Europa - Politische Übersicht

Europa - Staaten
978-3-14-100900-2 | Seite 89 | Abb. 5| Maßstab 1 : 24000000

Überblick

Die politische Übersicht von Europa lässt die weitreichenden territorialen Veränderungen erkennen, die sich durch den Zerfall der Sowjetmacht in Ost- und Südosteuropa ereignet haben. Der Zusammenbruch des Ostblocks ermöglichte 1990 die Wiedervereinigung der beiden 1949 proklamierten deutschen Staaten, aber auch eine Teilung der Tschechoslowakei, die 1993 erfolgte, nachdem die Slowakische Teilrepublik ein Jahr zuvor ihre Unabhängigkeit erklärt hatte. Nationale Befreiungsbestrebungen hatten 1991 auch zur Abspaltung Sloweniens und Kroatiens von Jugoslawien geführt. Ihre Anerkennung durch die Bundesrepublik Deutschland gab den Auftakt zu einem anhaltenden und äußerst blutigen Bürgerkrieg, in dessen Verlauf der Vielvölkerstaat Jugoslawien in die sieben autonomen Staaten Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Serbien, Mazedonien, Montenegro und Kosovo zerfiel.

Zerfall der Sowjetunion

In der Sowjetunion machten sich bald nach dem politischen Kurswechsel, der mit dem Beginn der Perestroika durch den neuen Generalsekretär der KPdSU Michail Gorbatschow ausgelöst wurde, zentrifugale Tendenzen bemerkbar. Insbesondere die islamischen Volksgruppen in Zentralasien, die Kaukasusvölker und die Nationen an der Westgrenze opponierten gegen die lange Jahre propagierte Idee eines einheitlichen „Sowjetvolkes“. Im Frühjahr 1990 entschieden sich die Parlamente der drei baltischen Republiken Estland, Lettland und Litauen für die Unabhängigkeit. Anfang 1991 ging die Sowjetmacht mit militärischen Mitteln gegen die Unabhängigkeitsbestrebungen vor, doch sowohl der Putschversuch in Litauen wie auch der Angriff auf das Innenministerium in Riga blieben ohne Erfolg. Volksabstimmungen im Februar und März 1991 bestätigten die Entscheidungen der Parlamente. Noch im selben Jahr erfolgten ihre internationale Anerkennung und die Aufnahme in die UNO. Die baltischen Staaten waren damit die ersten, die sich aus dem sowjetischen Staatswesen lösten und damit zugleich eine Lawine ins Rollen brachten.

Der Abspaltungsprozess führte zum völligen Zusammenbruch der Sowjetunion, die im Dezember 1991, nach dem Rücktritt von Michail Gorbatschow, formell aufgelöst wurde. Auf ihrem einstigen Territorium konstituierten sich außer den Staaten Estland, Lettland und Litauen die selbstständigen Republiken Russland, Weißrussland, Ukraine, Moldawien, Georgien, Armenien, Aserbaidschan, Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan, Kirgisistan und Kasachstan. Zwölf dieser 15 Nachfolgestaaten assoziierten sich in der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS), die allerdings aufgrund zahlreicher Interessenskonflikte zwischen ihren Mitgliedsländern die in sie gesetzten Erwartungen zu keinem Zeitpunkt erfüllen konnte. 2022 hatte die GUS noch 10 Mitglieder mit zusammen rund 221 Mio. Einwohnern.

Neuausrichtung von Wirtschaft und Verteidigung

Die neuen Regierungen der ehemaligen Ostblockstaaten öffneten ihr Land rasch der Marktwirtschaft und strebten nach Integration in NATO und EU. 1991 wurde der Warschauer Pakt formell aufgelöst. Polen, die Tschechische Republik und Ungarn traten 1999 der NATO bei, 2004 folgten Bulgarien, Estland, Lettland, Litauen, Rumänien, die Slowakei und Slowenien ihrem Beispiel. 2009 traten Albanien und Kroatien, 2017 Montenegro und 2020 Nordmazedonien der NATO bei. Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine im Februar 2022 stellten auch Finnland und Schweden einen Antrag auf Mitgliedschaft bei der NATO.

Im Zuge der sogenannten Osterweiterungen I und II wurden alle genannten Länder auch Mitglieder der Europäischen Union, zuletzt (zum 1. Januar 2007) Rumänien und Bulgarien sowie (zum 1. Juli 2013) Kroatien.

Zwergstaaten und Autonomiegebiete

Grönland und die Färöerinseln sind Teile des dänischen Staates mit Autonomiestatus. Zu Norwegen zählt das Außengebiet Svalbard, das die Inselgruppe Spitzbergen und die Bäreninseln umfasst. Gibraltar ist seit 1704 in britischem Besitz. 1967 votierte in einer Volksabstimmung eine überwältigende Mehrheit für den Verbleib bei Großbritannien, seit 1969 verfügt die Halbinsel über eine eigene Verfassung.

Zypern (s. unten rechts) war einst britische Kolonie, wurde 1960 unabhängig und ist seit 1974 durch eine Demarkationslinie in die griechische Republik Zypern (mit zwei souveränen britischen Militärbasen) und in die international nicht anerkannte Türkische Republik Nordzypern geteilt.

Liechtenstein bildet seit 1923 eine Rechts-, Wirtschafts- und Währungsgemeinschaft mit der Schweiz. Das parlamentarische Fürstentum Monaco ist mit Frankreich durch eine Zollunion verbunden. Andorra ist seit 1993 ein souveränes parlamentarisches Fürstentum mit zwei Staatsoberhäuptern: dem französischen Staatspräsidenten und dem Bischof von Urgell (Spanien). San Marino ist eine parlamentarische Republik in Zollunion mit Italien. Die Kanalinseln und die Isle of Man gehören direkt zur britischen Krone, aber nicht zum Vereinigten Königreich Großbritannien und auch nicht zur EU; sie haben eigene Regierungen. Die Vatikanstadt ist aufgrund der Lateranverträge mit Italien von 1929 selbstständig. Umstritten ist der Status von Transnistrien. Das östlich des Dnister gelegene Gebiet hat eine Bevölkerung von rund 375 000 Menschen und gehört völkerrechtlich zur Republik Moldau, die Macht übt dort seit 1992 ein an Russland orientiertes Regime aus.

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